Meine kumulative Habilitationsschrift untersucht transgeschlechtliche Literatur aus Brasilien, Argentinien und Chile und vereint zwölf Aufsätze in vier thematischen Kapiteln. Das Korpus umfasst dabei sowohl Prosatexte als auch Comics und verbindet literaturwissenschaftliche Analyse mit Perspektiven aus den Queer und Trans* Studies, den Human-Animal Studies und dem Posthumanismus.
Das erste Kapitel widmet sich Fragen von Autorschaft, Polyphonie, Hybridität und Fragment. Es fragt, wie transgeschlechtliche Schreibweisen tradierte Vorstellungen literarischer Subjektivität unterlaufen: durch hybride Verschränkungen von genus, genre und gender bei argentinischen und chilenischen Autor*innen wie Susy Shock und Naty Menstrual, durch die Denkfigur des Fragmentarischen und Unfertigen als ästhetische Strategie in der chilenischen Literatur sowie durch die Polyphonie der Autofiktion, die João W. Nerys Velhice transviada als literarisches Verfahren einsetzt.
Das zweite Kapitel verschiebt den Fokus auf Interkulturalität und migrantische Körper. Es untersucht, wie Bewegung, Grenzüberschreitung und soziale Marginalisierung Körper markieren und verschieben – in den genderqueeren Netzwerken und Affektpoetiken des argentinischen Textes Clara, in den Verstrickungen von Armut, Gewalt und Ethik im chilenischen Biuty Queens sowie in Fernanda Farias de Albuquerques Princesa, wo Körper und Nacht als Dispositive globaler Sexarbeit zwischen Italien und Brasilien analysiert werden.
Das dritte Kapitel fragt nach Poetiken des Körpers in seiner radikalen Wandelbarkeit: seinen Metamorphosen, seinen Grenzüberschreitungen und seiner Monstrosität. Naná DeLucas O sexo dos tubarões inszeniert das Meer als Ort der Metamorphose und Trauer; Camila Sosa Villadas Las Malas erkundet polymorphe Körper an der Grenze zwischen Mensch und Tier; und in den visuell-performativen Arbeiten brasilianischer Travestis treten posthumane Verwandtschaftsformen und monströse Allianzen als ästhetische und politische Ausdrucksformen in Erscheinung.
Das vierte Kapitel erweitert das Korpus um das Medium Comic und fragt nach den spezifischen Möglichkeiten grafischer Literatur, transgeschlechtliche Körper und Identitäten darzustellen. Diana Salus Comicwerk, der Band Guadalupe von Odyr und Angélica Freitas sowie der neue queere Comic von Lino Arruda und Vitorelo stehen dabei exemplarisch für ein Medium, das die Grenzen zwischen Text und Bild, Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit auf besonders verdichtete Weise verhandelt.
Der Begriff des Gattungsbruchs ist in den Analysen, die den Kern dieser Habilitation bilden, bereits vorangelegt, da transgeschlechtliche Ästhetik Genrekonventionen häufig ganz bewusst überschreitet und/oder subvertiert. Im Rahmen der DFG-Sachbeihilfe (2027-2030) arbeite ich dieses Konzept weiter aus und versuche anhand frühneuzeitlicher epischer Texte nachzuvollziehen, wodurch es zu solchen Gattungsbrüchen kommt und inwiefern sie notwendig sind, damit sich ein literarisches Genre weiterentwickeln kann.